4 Akte des Trauens
– eine literaturwissenschaftliche Analyse der Hochzeitseinladung
Im
Folgenden wird der Versuch unternommen, die Einzigartigkeit des Versdramas
„Wir trauen uns ...“ ausgehend von einer semiotisch und zahlenmysisch informierten
Gattungsanalyse zu belegen und dabei die sprachlich-formale Sprengkraft
des Werks herauszuarbeiten:
Sehr
genau nuanciert beginnt der Text mit dem bis dato nicht näher bestimmten
pluralistischen Pronomen „wir“, dem in Z. 10 ein „Dich/Euch“ gegenüber
gestellt wird, das den Rezipienten einschließt. Das „wir“ wird erst
am Schluss des Textes aufgelöst in die Eigennamen „Claudia und Thierry“,
so dass durch diese Personenstruktur eine Dreiteilung des Textes geschaffen
wird. Worauf aber verweist diese Triade, wo doch das „wir“ eindeutig nur
zwei Personen umfasst? Noch scheint das dritte Element zu fehlen, denn,
das geht aus der Analyse hervor, die weiteren vier auftauchenden Namen
„Günter & Olli Zellmer“ sowie „Gabriel & Brigitte Pelherbe“
stehen, wenn auch in unmittelbarer Nähe, so doch neben und nicht innerhalb
des „wir“.
Die
zweite Zeile des Versdramas verspricht dem Rezipienten vier Akte, denen
die mit Ordnungszahlen eingeleiteten vier ersten Strophen entsprechen.
Ganz bewusst weist der Text die griechische Tragödie mit ihren klassischen
5 Akten zurück, so dass man schon in Z. 2 vermuten darf, dass die
Geschichte nicht in Parallele zu der des griechischen Helden verlaufen
wird. Ganz im Gegenteil erwartet die Leserin / der Leser statt des tragischen
Todes des Helden bzw. der unerfüllten Liebe das blühende Leben
und die ewige Liebe.
Ausblick:
Dem
potentiell unendlichen Prozess der Semiose entspricht im vorliegenden Text
die Quasi-Umarmung der ersten und letzten Zeile. „Wir trauen uns“ verweist
programmatisch auf den Schluss „Claudia & Thierry“, der wiederum, gleich
einem unendlichen Zirkel, den „Rückflug“ zum Anfang suggeriert. Der
Text mündet also in eine stetige, nicht enden wollende zirkuläre
Bewegung.
Prof.
Dr. phil. Tina Ohmacht